Die Geschichte der Thai-Massage: Von Mönchen und Huren 6

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Artikel “Die Geschichte der Thai-Massage: Von Mönchen und Huren

Die Wiederentdeckung
Mittlerweile beginnen die Thais also wieder in
verstärktem Maße, sich für ihre eigene Heilkunst
zu interessieren. Das war nicht immer so. Als vor
rund 100 Jahren König Chulalongkorn Thailand’s
große Modernisierung vollendete, galt westliche
Wissenschaft als kostbares Gut. Im Laufe der
nächsten Jahrzehnte glaubten viele Thai’s selbst,
dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis ihre
Traditionen westlicher Vernunft weichen würden.
Dazu möchte ich eine kleine persönliche Anekdote
einfügen:
Einst wohnte ich einige Zeit im Haus eines
befreundeten Sport-Mediziners und lernte so seine
Mutter kennen. Khun Mä (so nannte ich sie) war
früher Lehrerin an einer renommierten Schule
in Bangkok gewesen und stammte aus einer
angesehenen Familie. Ihr Vater war persönlicher
Masseur des Königs gewesen und Khun Mä lachte
amüsiert, als sie sich daran erinnerte, dass sie
damals gar kein Interesse für traditionelle Medizin
und Massagen übrig hatte. “Damals dachte ich das
wäre alles langweilige, überholte Tradition. Es
schien so rückständig und die westliche Medizin
war so viel überlegener. Mein Vater wollte uns
Kindern sein medizinisches Wissen weitergeben,
aber das wollten wir garnicht. Ich war noch sehr
jung, da hat er mir ein bisschen etwas beigebracht,
aber das ist so lange her. Wir wollten alle lieber in
der Schule lernen und zur Universität gehen und er
akzeptierte das. Damals dachte ich: Ach, wer will
in zehn Jahren noch massiert werden, wenn jeder
richtige Medizin bekommen kann. Und heute sehe
ich, wie viele Menschen aus Amerika und Europa
hierherkommen um etwas über unsere Massagen zu
lernen.”
Und so ging es vielen Thais. Mitte des letzten
Jahrhunderts galt – erst recht in den Städten –
traditionelle Medizin nicht viel. Und dann,
etwa seit den siebziger Jahren, kamen Jahr
für Jahr mehr Amerikaner und Europäer
nach Thailand und wollten mehr
über das traditionelle Heilwissen
der Thais lernen. Natürlich
erkannten dann auch immer
mehr Thai’s: ‘Die kommen aus
dem Westen und wollen von
uns lernen? Vielleicht ist ja
doch was dran, an den alten
Mitteln.’
Königsfamilie haben ihren Teil
zur Wiederbelebung der Thai-Massage beigetragen.
Besonders das Gesundheitsministerium hat viele
Initiativen ins Leben gerufen und in Zusammenarbeit
mit Universitäten und
Heilkundigen großangelegte Forschungsprojekte vorangetrieben.
In vielen Kliniken arbeiten moderne Mediziner und
traditionelle Heiler Hand in Hand zusammen.
In Thailand gibt es ein großen Angebot an qualifizierten Arbeitskräften für wissenschaftliche Unternehmungen und gerade der Wellness- und
Medizin-Tourismus auf den
Thailand sich spezialisiert hat
ist eine treibende Kraft hinter
so manch vielversprechendem
Projekt.

Wenn wir jetzt unseren Blick
der Vergangenheit abwenden und
stattdessen in die Zukunft sehen, dann
wird eines deutlich: in den kommenden
Jahren wird viel Kommerz mit dem Begriff “Thai-
Massage” getrieben werden. In vielen Teilen der
Welt blüht ein riesiger industrieller Komplex
auf, der nichts anderes verkauft als: Wellness. Es
gibt kaum ein Luxus-Hotel in der Welt, das nicht
Masseure aus Thailand eingestellt hat. Aber auch
wer einen weniger extravaganten Lebensstil führt
kann heutzutage die heilsame Wirkung der Thai-
Massage am eigenen Leib erfahren.

Im Titel dieses Artikels habe ich von einer
meinte ich, dass die Thai-Massage wieder in die
Tempel zurückkehrt. Nicht in richtige Tempel in
die man hineingehen kann. Sondern den Tempel
im Herzen, den man überall bei sich trägt. Viele
Schüler aus anderen Ländern – ganz besonders die
aus Japan und Indien – haben mir gesagt, dass sie

Thai-Massage praktizieren, weil es für sie eine
Möglichkeit ist anderen Menschen wirklich zu
helfen und ihnen von Nutzen zu sein. Es braucht
nur zwei Menschen mit guter Absicht. Es
braucht keine besonderen Cremes
oder Instrumente, keine teure
Gerätschaft oder wertvollen
Mineralien. Es wird nur die
dem Menschen innewohnende,
natürliche Kraft aktiviert und
eingesetzt um zum Zustand
Und wirklich – wie weit ist das noch vom buddhistischen
Wandermönch entfernt?

Diese Leute tragen keine orangefarbenen wie die Mönche, sie haben Visitenkarten und
berechnen ihre Massagen in barer Münze – aber
es ist mit Sicherheit ein mittlerer Weg, der es
ihnen ermöglicht auf ihrer individuelle spirituellen
Entwicklung voranzuschreiten und zugleich als Teil
einer modernen Gesellschaft ihren Mitmenschen
von Nutzen zu sein. Und im Zeitalter der Maschinen
und Computerchips ist es für die meisten Menschen
heilsam wieder in Kontakt mit dem zu kommen,
was die Menschheit seit Anbeginn begleitet hat:

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Die Geschichte der Thai-Massage: Von Mönchen und Huren 5

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Der schamanische Stil
Der schamanische Stil
ist der in Thailand mit
großer Wahrscheinlichkeit
ältere, fast vollkommen
auf einem spirituellen
Glaubenssystem auf-
bauend, das vor der
Verbreitung des Bud-
dhismus in Thailand
dominant war. Aufgrund
des völligen Verzichts
auf formalisierte
Wissensweitergabe hat
jede Provinz auch eigene Vorgehensweisen und
in mündlicher Form vom Lehrer zum Schüler
statt. Zum größten Teil sind es Männer, die diese
Funktion in der Dorf-Gemeinschaft einnehmen
auch Frauen, die über einen großen medizinischen
Wissensschaftz verfügen und auch Massieren (ein
Erbe der Hebammen-Tradition). Einzig und allein
schriftlich weitergegeben, allerdings in einer für
Außenstehenden unverständlichen, kodierten Form
und auf die Bewahrung und Geheimhaltung des
Wissens wird größter Wert gelegt.
Allerdings ist dieser Schamanismus in Thailand
quasi “vom Aussterben bedroht”. Das liegt zum
einen daran, dass oft Mönche in Thailand eine
ähnliche Funktion wie Schamanen übernehmen
Amuletten und Kräuterbehandlungen.
Desweiteren sind Thais auch ein von Antibiotika-

begeistertes Volk und in den Apotheken bekommt
– was dazu geführt hat, dass viele Thai’s die bunten
Pillen fressen als wären es Bonbons (ein wenig
überspitzt formuliert…). Mittlerweile gibt es ein
wachsendes Bewusstsein dafür, dass eine Pille die
den Schmerz wegmacht nicht unbedingt immer
ein Segen sein muss und dass Nebenwirkungen oft
größer sind, als die Schrift auf der Packungsbeilage
– aber Hand in Hand mit dem steigenden Bedürfnis
nach traditioneller Medizin geht auch eine immer
aggressivere Vermarktung von “traditional herbal
medicine”. Das wäre ja an und für sich durchaus
zu begrüßen – leider verstehen die Firmen dahinter
jedoch oft mehr von Marketing als von Medizin.

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Die Geschichte der Thai-Massage: Von Mönchen und Huren 4

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Der gelehrte Stil
Der gelehrte Stil entstand am
königlichen Hof und integriert
eine Vielzahl von kulturellen
ist imstande fremde Elemente
aus den verschiedensten Teilen
der Welt nahtlos zu assimilieren
(die Vielfalt der thailändischen
Küche ist exemplarisch dafür).
Medizinisches Wissen aus Indien,
China, islamischen Traditionen
ein. Die größte Übereinstimmung
des theoretischen Überbau’s der
thailändischen Medizin ist in der
und in einigen Fällen stimmen Sen
(Energielinien der Thai-Massage)
und Nadis (Energielinien des
Ayurveda) und Akupressurpunkte
der Thai-Massage mit den
ayurvedischen Marmas überein.
Aus der Zeit um 1820 datierende
Poh zeigen deutlich, welchen hohen
Stellenwert die yogische Tradition
im gelehrten Stil einnahm, und
in die Manuskripte des Wat Poh
aufgenommen wurden und die
Vereinnahmung ayurvedischer
Diagnosetechniken bestätigen dies
nur. Die Unterschiede sind jedoch
in der praktischen Anwendung
so mannigfaltig, dass die
Übereinstimmung im theoretischen
Überbau von nur geringer
praktischer Bedeutung ist. Viele
westliche Autoren haben in ihren
Büchern über Thai-Massage diese
Übereinstimmungen überbetont,
was eher auf einen Mangel an
Präzision zurückzuführen ist
denn auf fundiertes Wissen.
Ein Phänomen, das wohl jedem
aus eigener Erfahrung bekannt
sein dürfte. Einem Europäer
beispielsweise, der das erste mal
passieren, dass er sich denkt:
“Die sehen hier doch alle gleich
aus.” Je länger er sich jedoch
in diesem fremden Kulturkreis
aufhält, desto deutlicher werden
die distinktiven Merkmale der
asiatischen Gesichtszüge erkennbar.

Gleiches gilt für jenen, der sich intensiver mit
den ayurvedischen und thailändischen Lehren
auseinandersetzt. Jedoch praktizieren heute viele
Thai-Masseure (indisches) Yoga und raten oft auch
ihren Patienten dazu
– schließlich wird Thai-
Massage manchmal
auch scherzhaft als
“Yoga für Faule”
bezeichnet, denn
der Massierte wird
in verschiedene
Yogastellungen ge-
bracht, ohne eigene
Anstrengung.
Während also die

in erster Linie durch Mönche nach Thailand
gelangten, brachten chinesische Einwanderer
Elemente der traditionellen chinesischen Medizin
– darunter auch Massagetechniken des Tuina
Großreichs wanderten schon seit langem Chinesen
nach Thailand ein, weil sie sich dort eine bessere
materielle Grundlage erhofften. Und wer einmal das
Chinatown von Bangkok besucht hat, wird sich auch
hier des Eindrucks nicht erwehren können, dass die
Chinesen eben wirklich das Volk der Fleißigen sind.
Viele verarmte, besitzlose chinesische Zuwanderer
verdient – und heute steht hinter fast jedem großen
Unternehmen in Thailand eine thai-chinesische
Familie). Wenn Sie in Bangkok einen schwarz
glänzenden Merzedes durch die Straßen fahren sehen
– innen drin sitzt mit großer Wahrscheinlichkeit ein
chinesischer Einwanderer der zweiten oder dritten
Generation. Auch werden die meisten großen
Apotheken für traditionelle thailändische Medizin
heute von Thai-Chinesen geführt und das Wissen
um die Zubereitung und Zusammenstellung der
einzelnen Mittel wird als wertvoller Familienschatz
gehütet.

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Die Geschichte der Thai-Massage: Von Mönchen und Huren 3

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Volksmedizin Massage
Jedenfalls damals – rund 2000
Jahre auf der Achse der Zeit
zurück, gab es immernoch viele
buddhistische Wandermönche in
Thailand die durchs Land zogen
und so “sickerte” die Thai-Massage
Stück für Stück auch langsam in die
ländliche Bevölkerung durch. So
wurde die Massage aus den Tempeln
in den thailändischen Alltag geholt
und heute gibt es im wesentlichen
zwei Arten der Thai-Medizin (und
-Massage).

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Die Geschichte der Thai-Massage: Von Mönchen und Huren 2

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Vom Tempel ins Freudenhaus
Es ist sicherlich ein weiter Weg den die Thai-
Massage da genommen hat – wenn sie einst vor
allem in den Klöstern von Mönchen praktiziert
wurde ist sie heute dafür bekannt, in den Bordellen
von Prostituierten praktiziert zu werden. Jedoch
sollte man sich bewusst machen, dass das zwei ganz
verschiedene Praktiken sind, die da unter einem
gemeinsamen Namen kursieren – und ansonsten
“echte” Thai-Massage immer bekleidet statt und der
Intimbereich wird nicht “bearbeitet”.
Es ist ein wenig bedauerlich, wie die Geschichte
ihren Teil dazu beigetragen hat, dass der Name
“Thai-Massage” oft mit sexuellen Dienstleistungen
gleichgesetzt wird. Denn einerseits wurde es den
Mönchen verboten Massagen zu praktizieren
(ähnlich wie es auf dem Konzil von Klermont
im Jahre 1130 dem christlichen Klerus verboten
wurde, ärztlich tätig zu sein) und andererseits
begannen die Amerikaner den Vietnamkrieg: Die
von Gefechten erschöpften Soldaten schickte man
zur Erholung nach Thailand. So wurde das Land
von amerikanischen Männern mit amerikanischen
Dollars und kriegsaufgeladenen Hormonhaushalten
ungezählte Dollar an (einer ganz eigenen Art von)
“Foreign Direct Investment” in den Ausbau von
Thailands Sex-Industrie.
Auch haben viele Prostituierte im Alter um-
gesattelt – ein in die Jahre gekommener Körper zieht
wenige Freier an und die Preise sinken – und so haben
sie dann nicht mehr in Nachtclubs
und Bordellen gearbeitet, sondern
in “Massage Parlors”, die eben
(sehr) entspannende Massagen
für Männer anbieten und wo das
Aussehen nicht mehr so wichtig
war.
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Die Geschichte der Thai-Massage: Von Mönchen und Huren 1

Teil 1:

Buddha und sein Freund Jivaka
Traditionelle Thai-Massage ist eines der
ältesten überlieferten Heilsysteme, das sich bis
in die heutige Zeit gehalten hat. Ironischerweise
stammt sie jedoch ursprünglich aus Indien,
genauer gesagt aus dem damals mächtigsten
und größten Staat Indiens, dem Königreich
Magadha. Dort praktizierte vor rund 2500 Jahre
ein großer Arzt: Jivaka Kommarabhacca.
In seiner Jugend war er Schüler des legendären
Atreya gewesen, ein Arzt der damals weit über
die Grenzen Indiens hinaus für seine Heilkünste
bekannt war. So erhielt Jivaka Kommarabhacca
tiefen Einblick in die alten Heilwissenschaften
Indiens, wie das Ayurveda und das Yoga. Seine
Heilerfolge machten ihn schon in frühen Jahren
zu einem bekannten Arzt und schließlich rief
sogar der König von Magadha, Bimbisara, ihn an

seinen Hof und ernannte ihn zu seinem Leibarzt.
Dort traf er auch auf Siddharta Gautama, den
Buddha, und seine Mönchsgemeinschaft.
Die beiden verstanden sich gut und Jivaka
lernte von Buddha und behandelte ihn und die
Mönchsgemeinde medizinisch.
Aus seinem reichen Erfahrungsschatz
und tiefer Meditation entwickelte sich sein
medizinisches System, mit dessen Hilfe er auf
vier Weisen seine Patienten behandelte:
1. Massage,
2. Naturmittelheilkunde,
3. Ernährungsweise und
4. spirituellen Praktiken.
Nach seinem Tod praktizierten seine
Schüler weiter und im dritten Jahrhundert vor
Christus schließlich kam die Thai-Massage dann
tatsächlich auch in Thailand an. Der indische
Kaiser Ashoka war ein mächtiger Herrscher mit
jahrelangen Kriegen vergrößert hatte – es umfasste
¾ des indischen Subkontinents – und auf dem Gipfel
seiner Macht stand, suchte er nach neuen Aufgaben
im Leben. Er wurde Anhänger der friedfertigen
buddhistischen Lehren und entsandte buddhistische
Missionare in alle Himmelsrichtungen. Was Kaiser
Konstantin für das Christentum war, war Kaiser
Ashoka für den Buddhismus.
Die Missionare trugen vor allem spirituelles
und medizinisches Wissen weiter und ein Großteil
des medizinischen Wissens ging auf die Lehren
Jivaka Kommarabhacca’s zurück. In der frühesten
buddhistischen Epoche Thailands waren es
vor allem Wandermönche, die sich von allen
Besitztümern losgesagt hatten und in den Wäldern
und Bergen lebten und meditierten. Etwa im ersten
Jahrhundert nach Christus dann wurden mehr und
mehr buddhistische Klöster gebaut in denen die
Mönche die Bevölkerung medizinisch behandelten
– mit Massagen, Heilkräutern und Gebeten. Auch
massierten die Mönche sich gegenseitig, um ihre
Meditationspraktiken zu vertiefen.

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Die große Wirkung kleiner Taten 3: Kaizen

Kaizen - Japanische SchriftzeichenEin weiteres Beispiel für die Wirskamkeit kleiner und ständiger Veränderungen ist aus Japan bekannt: das Kaizen (Kai = Wandel, Veränderung, Zen = zum Besseren). Das Prinzip der ständigen Verbesserung hat wesentlich dazu beigetragen dass Japans Produkte weltweit den Ruf guter Qualität genießen. Nach dem zweiten Weltkrieg war die wirtschaftliche Situation Japans desaströs, und Kaizen im allgemeinen schreibt man das darauf folgende japanische Wirtschaftswunder zu guten Teilen dem Kaizen zu. Hier gab es keine revolutionären Neuerungen, keine drastischen Umbrüche, keine großen Innovationen - nein, mit vielen kleinen Schritten gingen die Japaner in eine wirtschaftlich bessere Zukunft. Auch wir deutschen haben ja nach dem zweiten Weltkrieg ein Wirtschaftswunder vollbracht - die Japaner sind uns heute jedoch was das pro Kopf Einkommen angeht noch immer voraus. Sehen wir uns hingegen die großen Corporate-Events der USA an, so ist es nicht ungewöhnlich dort einmal im Quartal Tausende von Mitarbeitern zu versammeln und einen Hitzkopf auf die Bühne zu schicken der die Belegschaft richtig anfeuern soll. Motivationsgurus verdienen sich eine goldene Nase indem sie Manager auf den Tischen tanzen und in Ekstase über glühende Kohlen laufen lassen.

Die große Wirkung kleiner Taten 2: TCM

Im letzten Blog-Artikel ging es um die Macht der Gewohnheiten und darum wie kleine Handlungen durch häufige Wiederholung große Wirkungen erzeugen. Ich habe geschrieben dass westliche Kulturen im Allgemeinen eher zur abrupten Veränderung mit Paukenschlag und Fanfare neigen.

In asiatischen Kulturen ist dies anders. Chinesische Ärzte behandeln ihre Patienten mit kleinen Verordnungen und Interventionen damit ihre Gesundheit erhalten bleibt. Westliche Mediziner greifen meist zu chemischen Keulen und drastischen Maßnahmen nachdem der Patient bereits krank geworden ist. Auf Früherkennung verstehen sie sich - im Vergleich zu ihren chinesischen Kollegen - nicht. In China gibt es eine alte Volksweisheit: “Einen Patienten behandeln nachdem die Krankheit schon ausgebrochen ist, ist wie einen Brunnen graben nachdem man Durst bekommen hat. Oder Schwerter schmieden wenn man auf dem Schlachtfeld steht.”

Die große Wirkung kleiner Taten 1: Gewohnheiten

Immer wieder werde ich gefragt: Was bedeutet Tamtookwan? Es bedeutet “Jeden Tag etwas Gutes tun” (sich selbst und anderen), aber ich möchte eine kleine Geschichte dazu erzählen. Als ich begann Thai-Massage zu erlernen zeigte mir einer meiner Lehrer einige Übungen, die mir helfen meine Gesundheit zu erhalten und zu pflegen. Als Masseur gibt es eine Reihe von typischen “Haltungstendenzen”. Genau so wie ein LKW-Fahrer berufsbedingt bestimmte Haltungsprobleme entwickeln wird wenn er nicht aktiv für Ausgleich sorgt oder ein Computerprogrammierer der den ganzen Tag am Computer sitzt, so müssen auch Masseure ihre typischen Bewegungsmuster bewusst ausgleichen. Damals beschränkte sich mein Thai auf nur wenige Worte und als er zu mir sagte: “Tam took wan” musste erst ein Thai mir übersetzen “Do every day”.

Diese Übungen praktiziere ich seitdem jeden Tag und in der Tat tragen Sie sehr zu meinem Wohlbefinden bei. Nur ein paar Minuten jeden Tag, und doch haben diese Übungen im Laufe der Zeit eine große Wirkung für mich entfaltet. Das ist ein deutlichen Unterschied zum hierzulande weitverbreiteten Ansatz: “So richtig loslegen, reinhauen, ins Schwitzen kommen, die Pumpe zum Laufen bringen, Kalorien verbrennen!” Fitness-Studios sind für mich skurille Orte. Ab und zu besuche ich ein Studio. Ich komme mir dann vor wie ein Erdling zwischen Marsmenschen. Ganz besonders fällt mir das auf in Aerobic-Kursen und überhaupt alles was viel mit Rumgehopse und Gestampfe zu tun hat. Unter der strengen Fuchtel eines Trainers wird man dann zu Höchstleistungen angespornt: höher springer, tiefer beugen, schneller laufen, kräftiger drücken, weiter dehnen… und ein Bisschen, das geht immer noch! Lust an der Qual gehört schon dazu wenn man sich auf sowas einlässt.

Das Kuriose ist umso mehr der Gegensatz zum Alltagsleben: wir sind das Volk der Rolltreppensteiger und Fahrstuhlfahrer und riesige Industrien haben sich gebildet um unsere Bequemlichkeit zu befriedigen. Fertiggerichte (wir haben keine Zeit zum Kochen mehr, müssen ja ins Fitness-Studio und heut’ abend läuft unsere Lieblingsserie im TV die wir auf keinen Fall verpassen dürfen).

Meine Überzeugung ist, dass ein ausgewogener Lebensstil unserer Gesundheit (und zwar sowohl der körperlichen wie auch der seelischen) wesentlich zuträglicher ist als das konstante Schwanken zwischen den Extremen. Unseren Lebensstil bestimmen in erster Linie unsere Gewohnheiten. Nichts wird so unterschätzt wie die Macht unserer Gewohnheiten über unser Leben. Natürlich sind Gewohnheiten unspektakulär und eher langweilig. Haben wir die Gewohnheit zu rauchen macht uns das schwach und kränklich. Haben wir die Gewohnheit zu lächeln macht uns das glücklich und stärkt unsere Abwehrkräfte. Haben wir die Gewohnheit schöne Gedanken und Gefühle zu kultivieren so kommt das Lächeln ganz von selbst. Haben wir die Gewohnheit regelmäßig zu schlafen und zu essen so dankt uns unser Körper dies mit stabiler und langjähriger Gesundheit. Haben wir die Gewohnheit entspannt und tief zu atmen, so leben wir wahrscheinlich nicht nur einige Jahre länger, sondern auch gesünder als wenn wir “ganz normal” atmen wie die meisten Menschen in unserem Kulturkreis das tun (man könnte hier wohl von einer pathologischen Normalität sprechen).
Zum neuen Jahr wappnen wir uns feierlich mit guten Vorsätzen - und ein wenig später werfen lassen wir sie klammheimlich hinter uns.

Morgen werde ich über etwas zur traditionellen chinesischen Medizin schreiben und auch hier aufzeigen wie sich deren Ansatz von der Schulmedizin unterscheidet.